In Deutschland gibt es weit über 80 Kurzfilmfestivals, die eine Vielzahl von Preisen vergeben. Keiner ist jedoch so hoch dotiert wie der Deutsche Kurzfilmpreis, vergeben vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Ihn erhalten jedes Jahr bis zu fünf FilmemacherInnen für Filme in verschiedenen Kategorien. Bereits die Nominierung bedeutet eine große Auszeichnung und ist mit einer Prämie verbunden.
Der Deutsche Kurzfilmpreis wurde 1956 zum ersten Mal vergeben. Erhalten haben ihn zahlreiche Filmemacher und Filmemacherinnen, die im deutschen und internationalen Filmschaffen wichtige Impulse gegeben haben, z.B. Edgar Reitz, Peter Schamoni, Ulrich Schamoni, Hans-Jürgen Syberberg, Werner Nekes, Werner Herzog, Elfi Mikesch, Helke Sander, Wolfgang & Christoph Lauenstein, Wim Wenders, Sven Taddicken und Tom Tykwer.
Programm 1 Einerseits: Ungestüm
Wagah Dokumentarfilm | 13 Min. | Regie: Supriyo Sen
Indien und Pakistan trennen über dreitausend Kilometer Grenze und verbindet ein einziger Grenzübergang. Dieser wird allabendlich Schauplatz eines einzigartigen Spektakels, wenn die Grenztore geschlossen werden.
» Deutscher Kurzfilmpreis in Gold in der Kategorie Dokumentarfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten
Polar Spielfilm | 29 Min. | Regie: Michael Koch
Luis reist in die Berge, um nach Jahren seinen Vater wiederzusehen. In einem abgelegenen Haus trifft er auf dessen neue Familie eine Frau, ein kleines Kind , von der er keine Ahnung hatte.
» Deutscher Kurzfilmpreis in Gold in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten
Wüste/Außen/Tag Spielfilm | 30 Min. | Regie: Mia Grau
Film im Film in Cinemascope: Zwei Schauspieler lernen sich bei Dreharbeiten kennen und ver- bringen einen spannungsreichen drehfreien Tag miteinander.
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten
Der Conny ihr Pony Experimentelle Animation | 5 Min. | Regie: Robert Pohle, Martin Hentze
Hätte sie sich doch einen Löwen oder einen Bären gewünscht! Die elfjährige Conny bekommt ihr viel zu großes Pony nicht in den Linienbus hinein. Slam Poetry goes Film!
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Animations-/Experimentalfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten
Kokon Spielfilm | 7 Min. | Regie: Till Kleinert
Ein Teenager lässt sich die Haare schneiden. Wer verbirgt sich hinter der Matte? » Deutscher Kurzfilmpreis in Gold in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit bis sieben Minuten
Programm 2 Andererseits: Betörend
Fliegen Spielfilm | 26 Min. | Regie: Piotr J. Lewandowski
Die Filmstudentin Sarah interessiert sich für Dima, dem die Abschiebung aus Deutschland droht. Bald ist er mehr als nur das Objekt ihres Dokumentarfilms.
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten
Radfahrer Dokumentarfilm | 28 Min. | Regie: Marc Thümmler
Ein Fotofilm mit Bildern des Fotografen Harald Hauswald und Texten aus den Protokollen seiner Überwachung durch die Stasi.
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Dokumentarfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten
Please say something Animation | 10 Min. | Regie: David OReilly
Die Geschichte einer schwierigen Beziehung zwischen einer hochemotionalen Katze und ihrem Mann, einem nervtötenden Mäuserich.
» Deutscher Kurzfilmpreis in Gold in der Kategorie Animations-/Experimentalfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten
Antje und wir Spielfilm | 12 Min. | Regie: Felix Stienz
Boah. Sie sah bombig aus, also sah total gut aus. Da hab ich sie das erste Mal gesehen und ich dachte, eigentlich wie im Film. Acht junge Menschen erzählen von der Begegnung mit Antje.
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten
Birthday Spielfilm | 16 Min. | Regie: Andrzej Król
Verschwommene Erinnerung: Ein Familienvater wollte seinem Kind ein Fahrrad schenken was kam eigentlich dazwischen in jener Nacht?
» Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis in der Kategorie Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten
Programm 1 läuft am Di., 14.9., und Mi., 15.9., jeweils um 21.30 Uhr.
Programm 2 läuft am Mo., 20.9., und Di., 21.9., ebenfalls um 21.30 Uhr.
Ermässigter Eintritt für Schüler & Studenten: 5, Euro.
Internetseite: www.kurzfilmpreisunterwegs.org
Funny Games
von Michael Haneke; A 1997; 109 Min.; FSK: keine Jugendfreigabe/ab 18; Kamera: Jürgen Jürges;
mit Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Brisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski u.a.
Es beginnt alles ganz harmlos: Zum Urlaubsbeginn fahren Anna (Susanne Lothar), ihr Mann Georg (Ulrich Mühe) und Sohnemann Schorschi in ihr Ferienhaus am See. Die Nachbarn Fred und Eva sind auch schon da, stehen golfend Garten und winken ihnen bei der Ankunft zu. Seltsam nur, daß da auch Fremde dabeistehen und Fred sehr befangen wirkt. Später, während Georg und Schorschi das Segelboot startklar machen und Anna das Abendessen vorbereitet, steht plötzlich ein junger Mann in der Tür und bittet Anna, ihm ein paar Eier aus der Küche zu geben, Eva seien sie beim Kochen ausgegangen. Es handelt sich um einen der beiden ,Gäste', Peter und Paul, die sie zuvor beim Golfen gesehen hatten. Doch wie kam er eigentlich auf ihr Grundstück, fragt Anna. Na, durch das Loch im Zaun, erwidert Peter, und als auch Paul in der Türe steht, kann Anna ihrem Mann nicht mehr mitteilen, daß sie in Todesgefahr sind
,Funny Games', das sind die ,lustig-spaßigen Spiele' von Paul und Peter, zweier Fremder, die urplötzlich in die Privatsphäre willkürlich ausgesuchter Menschen treten und diese sukzessive, mit quälender Langsamkeit, vollkommen zerstören. Regisseur Michael Haneke, der mit Filmen wie ,Bennys Video' undd ,71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls' die Gewalt bereits filmisch beleuchtet hat, er widersetzt sich mit ,Funny Games' strikt jeglicher Norm, mit der das Thema bisher behandelt wurde. Haneke konfrontiert den geschockten Zuschauer mit einer latenten Form der Gewalt: Von der ersten Einstellung an, die die scheinbare Harmlosigkeit einer Urlaubsidylle vorführt, liegt ein undefinierbarer Druck über den Bildern, der mit fortschreitender Handlung zunimmt, bis hin an die Grenzen der Erträglichkeit. ,Funny Games' ist Extremkino der subtilsten Manier. Mit großer Raffinesse und äußerst zurückgenommener Bildgestaltung veranschaulicht Michael Haneke, was es heißt, wenn die Gewalt in die Banalität unseres Alltags Einzug hält. (Filmecho/Filmwoche 34/97)
Läuft am Di., 31.8., und Mi., 1.9., jeweils um 21.30 Uhr.
Erm. Eintritt für Schüler und Studenten: 5, Euro.
Das Leben ist zu lang
von Dani Levy; D 2010; 87 Min.; FSK: noch offen; mit Markus Hering, Meret Becker, Veronica Ferres, Yvonne Catterfeld, Gottfried John, Hans Hollmann, Justus von Dohnányi, Heino Ferch, Elke Sommer, Udo Kier, Hannah Levy u.a.
Nach der Polit-Posse ,Mein Führer präsentiert Dani Levy in seinem elften Kinostreich eine eben so mutige wie witzige Kreuzung aus Komödie und Politik. Genauer gesagt: Eine Paarung aus Woody Allen und islamischem Karikaturenstreit ein bisschen: ,Was Sie schon immer über Fundamentalismus und Humor wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten gewissermaßen. Im Zentrum steht Ex-Erfolgsregisseur Alfi Seliger, der nach jahrelanger Durststrecke endlich wieder ein Drehbuch parat hat. Seine ,Komödie über das Ende des Humors am Beispiel des Karikaturenstreits findet leider keine Resonanz. Neben Karrierekrise zwacken den armen Tropf allerlei andere Zipperlein: Pampige Kinder, rebellierender Magen, fremdgehende Gattin, heimtückischer Psychiater. Das Stehaufmännchen kämpft trotzig gegen alle Widrigkeiten, Selbstmordversuch inklusive. Allein sein Comedy-Projekt gerät ständig ins Stottern und am schrägen Ende auf surreale Weise völlig aus den Fugen. Das heikle Verhältnis von Humor und Islam ist zwar lediglich Nebenschauplatz dieser charmant verspielten Versager-Saga aber immerhin, auch das wagen nur wenige Künstler. Unterstützt wird er durch Gastauftritte von Bully Herbig über Udo Kier bis Heino Ferch und Elke Sommer. Mehr Woody war in Levy noch nie.
Das muss sich erst einmal einer trauen: Einen Film zu wagen, Komödie obendrein, über den dänisch-islamischen Karikaturenskandal. Dani Levy lässt wagen: Er schickt als Alter Ego einen gewissen jüdischen Regisseur namens Alfi Seliger an die brenzlige Polit-Pointen-Front. Kaum Zufall, dass der Name ähnlich klingt wie Alvy Singer, jener ,Stadtneurotiker von Woody Allen. Wie Alvy plagen auch Alfi allerlei Krisen und Zipperlein, sei es mit der krebsbedrohten Gesundheit, seiner insolventen Bank, der notorisch geknickten Karriere und natürlich der neurotischen Familie. Ach ja, und da wäre noch sein Drehbuch über diese Islam-Karikaturen.
Fünf lange Jahre hat Seliger sich mit seinem neuen Werk abgequält, doch nun mag es keiner haben. Auf der wichtigen Branchenparty gerät Alfis emsiges Networking zur peinlichen Anbiederungstour. Bully winkt mit freundlichem Lächeln ab und plaudert lieber weiter mit Sepp Vilsmaier. Der gastgebende Produzentenmogul gibt ihm gleichfalls einen Korb allein dessen russische Gattin Natasha (köstlich radebrechend Veronica Ferres), findet den Stoff fast so verführerisch wie seinen strubbelhaarigen Autor. Dank der Lady gibt es tatsächlich grünes Licht, nur der Hauptdarsteller fehlt noch: ,Bully oder Jürgen Vogel, Til Schweiger lieber nicht! empfiehlt der Produzent treuherzig. In Wirklichkeit hegt er längst ganz andere, nämlich Serien-Pläne doch bis Seliger die fiese Finte entdeckt, muss er sich mit seinen pubertären Kindern plagen, den Darmkrebs besiegen, die fremdgehende Gattin zurückerobern oder seinen theatralischen Selbstmordversuch überleben. Damit nicht genug, gerät der arme Tropf zum tragischen Schluss in eine arge Identitätskrise: Er ist immer mehr überzeugt, lediglich die kreative Spinnerei eines Autoren zu sein. Fortan rebelliert der Regisseur im Film gegen den realen Regisseur Dani Levy.
Ein bisschen zu viel des Guten? Am Ende vielleicht schon, aber das gehört zu solch einer prallen Wundertüte der burlesken Art genauso dazu wie der Mut zum verspielten Klischee. Neben der gelungen charmanten Versager-Saga (,Im Dunkeln siehst du aus wie früher flirtet da der Gatte hilflos mit der frustrierten Ehefrau) sowie einer formidablen Abrechnung mit der Filmbranche (unterstützt durch etliche Gastauftritte von Heino Ferch bis Elke Sommer) verblüfft Levy durch seinen Mut, das Thema Islam komisch anzuspielen das wagen wahrlich wenige Comedians. ,Wollen Sie sehen, ob der Koran brennt? sorgt sich Gottfried John einmal. Auch Alfis Gattin fürchtet eine Fatwa durchaus berechtigt, wie sich zeigen wird. Levy plagen hat solche Sorgen derweil nicht, er glaubt nicht, dass sein Film als antimuslimisch missverstanden werden könne, dafür sei sein Film ,viel zu liebevoll. Nach alles auf Zucker, nun alles auf Alfie mehr Woody war in Levy nie. (Programmkino.de)
Läuft von Do., 2.9., bis So., 5.9., jeweils um 21.30 Uhr
sowie von Mo., 6.9., bis Mi., 8.9., jeweils um 19.30 Uhr.
Von Do. bis So. ermässigter Eintritt für Schüler & Studenten: 5,– Euro.
Internetseite: www.daslebenistzulang.x-verleih.de
Mahler auf der Couch
von Percy & Felix Adlon; D 2010; 101 Min.; FSK: ab 12; Kamera: Benedict Neuenfels; Musik: Guido Solarek;
mit Johannes Silberschneider, Barbara Romaner, Karl Markovics, Eva Mattes u.a.
Im Jahr 1910 begegneten sich der Komponist Gustav Mahler und der Psychoanalytiker Sigmund Freud einen Nachmittag lang. Mahler hatte Freud um den Termin gebeten, weil seine junge Frau Alma ihn betrogen hatte. Was genau die beiden an diesem Tag geredet haben, ist nicht belegt. Percy und Felix Adlon haben das Ereignis zum Anlass genommen, einen postmodernen Kostümfilm zu drehen, der es schafft, das Wissen um die Konstruktion von Geschichte(n) mit großem Melodrama zu verbinden.
,Mahler auf der Couch variiert die Standardfloskel ,Nach einer wahren Geschichte ein wenig. Bei Percy und Felix Adlon heisst es stattdessen im Vorspann: ,Dass es geschah ist verbürgt. Wie es geschehen ist, haben wir erfunden. Damit verschieben die beiden Regisseure gleich zu Anfang die Betonung vom Authentischen zum Fiktionalen. Realität, zumal historische, ist nur durch subjektive Brechungen zu haben. In ,Mahler sind es mindestens zwei: die Erfindungsfreude der Autoren und die machmal auch ,falschen Erinnerungen Mahlers. Gelegentlich kommen auch noch andere Zeitzeugen hinzu, die direkt in die Kamera ihre Eindrücke des Ehepaares Mahlers schildern und um weitere subjektive Perspektiven ergänzen.
Das Spiel mit den Brechungen ist oft humorvoll. In einer Szene ziemlich zu Anfang erzählt Mahler Dr. Freud, wie glücklich er und seine Alma waren. Zu sehen ist ein überglücklicher Komponist, der aus dem Sommerhaus stürzt und ruft ,Alma, die Sechste ist fertig!, worauf ihm seine Frau, im weißen Kleid und umstrahlt von jenseitig hellem Sonnenlicht, entgegen hüpft und ihn innig umarmt. Später erfahren wir von Freunden, aber auch von Mahler selbst, dass er sie gezwungen hat, das Komponieren aufzugeben, um sich ganz ihrer Rolle als versorgende Ehefrau widmen zu können. Die mehr analytische als ironische Distanz der Regisseure zum Geschehen ist in allen Szenen und auch in den Bilder zu spüren, die mit ihren überstrahlenden Lichtquellen die Ästhetik von Traumbildern oder Kindheitserinnerungen aufgreifen.
Gleichzeitig nimmt der Film Mahler in seiner Verzweiflung ernst. Bereits im Vorspann wechseln sich in dramatischer Folge Bilder des Komponisten, der sich schlaflos im Zugabteil wälzt, mit Bildern seiner 20 Jahre jüngeren Frau Alma beim leidenschaftlichen Sex mit dem jungen Walter Gropius ab. Unterlegt ist die Szene völlig ironiefrei mit Ausschnitten aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Gequält und zerschlagen kommt Mahler im holländischen Leiden an. Zunächst will er dennoch nichts von sich preisgeben und sich schon gar nicht auf die Couch legen. Er kann sich auch nicht erklären, warum Alma ihr Liebesglück zerstört. Erst die Frage Freuds, ob er sich denn schuldig fühlen würde, bringt ihn nachdem er sie erst vehement verneint - zum Erzählen.
Aus seinen Erinnerungen entsteht nach und nach und für Mahler selbst völlig überraschend die Geschichte einer Ehe, in der die Frau ihr Leben völlig den Bedürfnissen des älteren, genialen Mannes untergeordnet hat. Alma, die vor ihrer Hochzeit eine Königin der Wiener Sezession war, gibt nach ihrer Hochzeit die Musik völlig auf und widmet sich nur noch ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter. Wie alle in Mahlers Umgebung passt sie sich in den rigorosen Tagesablauf des Meisters ein. Dabei leidet gerade das Band, dass die beiden eigentlich am meisten verbindet: das gemeinsame Interesse an der Musik. (Programmkino.de)
Läuft am Sa., 18.9., um 17.00 Uhr, So., 19.9., um 19.15 Uhr und am Di., 21.9., um 14.30 Uhr im Seniorenkino.
Internetseite: www.mahleraufdercouch.kinowelt.de
Vincent
will Meer
von Ralf
Huettner; D 2009; 91 Min.; FSK: ab 6; CinemaScope; Kamera: Andreas Berger; Stevie
B-Zet, Ralf Hildenbeutel;
mit Florian David Fitz, Heino Ferch, Karoline Herfurth, Johannes
Allmayer, Katharina Müller-Elmau u.a.
Es war der letzte Wunsch seiner Mutter: noch einmal das Meer sehen.
Doch jetzt ist Vincents Mutter tot. Und ihre Asche in einer Bonbondose
unter seinem Bett. Vincent (Florian David Fitz) will ihr diesen
letzten Wunsch erfüllen. Er wartet nur noch auf eine Gelegenheit
aus dem Heim, in dem er wegen seines Tourette-Syndroms sitzt, auszureißen.
Gemeinsam mit der magersüchtigen Marie, dem zwanghaften Alexander
und dem geklauten Auto der Heimärztin Dr. Rose macht er sich
auf dem Weg nach Italien ans Meer. Sein Vater und Frau Dr. Rose
heften sich an ihre Fersen. Es beginnt eine abenteuerliche, folgenreiche
Reise an deren Ende nur eins sicher ist: Keiner wird je wieder so
sein, wie er war.
Ralf Huettner (,Die Musterknaben) inszeniert die mitreißende
Geschichte um Ticks, Trips und Turbulenzen und die Entdeckung der
Liebe.
Doch lässt sich über die manchmal spürbare
Tendenz zur parodistischen Verkürzung und den Griff zu manchem
Klischee hinwegsehen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es
sich bei aller Tragik ja um eine Komödie handelt. Und dass
dies hierzulande auch ohne den üblichen Brachialklamauk geht,
das ist eine willkommene, wenn auch leider viel zu seltene Erfahrung. (critic.de)
Ein an Tourette erkrankter junger Mann, eine rebellische Magersucht-Patientin
und ein Zwangsneurotiker unternehmen in der deutschen Tragikomödie
,Vincent will Meer einen abenteuerlichen Road Trip. Hauptdarsteller
Florian David Fitz schrieb das Drehbuch, Ralf Huettner (,Die Musterknaben)
übernahm die Regie. Herausgekommen ist dabei ein mitunter etwas
oberflächlicher Film, der aber als feel-good-Stück funktioniert
und durch liebenswerte Charaktere und einen unverkrampften Umgang
auch mit ernsten Themen besticht.
Noch einmal das Meer sehen. Das ist der größte Wunsch
von Vincents Mutter. Da gibt es nur ein Problem. Vincents Mutter
ist erst vor wenigen Tagen verstorben. Und der Sohn, der an Tourette
erkrankt ist, wird vom Vater (wunderbar überdreht: Heino Ferch)
umgehend in eine Klinik eingewiesen, wo sich Spezialisten um den
Jungen kümmern sollen. Vincent beugt sich zunächst eher
widerwillig dem väterlichen Druck. Im Therapiezentrum angekommen
trifft er das erste Mal auf die rebellische Marie und den eigenbrötlerischen
Alexander. Mit letzterem teilt sich Vincent zudem ein Zimmer
sehr zu dessen Leidwesen.
Eines Nachts überredet Marie Vincent zu einem abenteuerlichen
,Fluchtversuch. Mit dem gestohlenen Auto ihrer Therapeutin
soll es nach Italien gehen genauer ans Meer. Zusammen mit
Vincents Mitbewohner, der die Ausreißer im letzten Moment
verraten wollte, brechen die beiden kurzerhand zu einer Fahrt ins
Ungewisse auf. Für Vincents Vater, einen Vollblut-Politiker,
kommt der spontane Italien-Trip des Filius zum denkbar ungünstigsten
Zeitpunkt. Es ist Wahlkampf. Negative Schlagzeilen gilt es daher
um jeden Preis zu verhindern. Zusammen mit der Klinikpsychologin
Dr. Rose nimmt er schließlich die Verfolgung des ungewöhnlichen
Trios auf.
,Vincent will Meer verknüpft die Dramaturgie eines klassischen
Road Movies mit der einer konfliktreichen Vater-Sohn-Geschichte
und einer zumindest im Kino bislang weitgehend unbeachteten Krankheits-Biographie.
Tourette ist vor allem für Außenstehende ein Problem,
weil sie nicht wissen, wie sie auf die motorischen und verbalen
Ticks reagieren sollen. In dieser Hinsicht plädiert der Film
von Beginn an für einen entspannten, vorurteilsfreien Umgang
mit der Erkrankung. Der Ton ist heiter, die Stimmung trotz des ernsten
Hintergrunds vorwiegend positiv und lebensbejahend. Es ist erlaubt,
ja sogar gewünscht, dass man lacht, wenn Vincent, seine Ticks
und die meist unvorbereitete Umwelt aufeinander treffen. Der Witz
geht dabei nicht auf Kosten des Erkrankten sondern allenfalls auf
die seines Gegenübers. Auch in die Falle, das Tourette-Syndrom
als komödiantisches respektive tragisches Kuriosum auszustellen,
tappt der Film zum Glück nicht.
Regisseur Ralf Huettner gilt spätestens seit ,Die Musterknaben
als Spezialist für sympathische Loser und Anti-Helden. Bei
,Vincent will Meer eine Auftragsarbeit verfilmte
er ein Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz. Dessen Skript
mangelt es bei aller Wertschätzung für seinen trotzig-mutigen
Titelhelden an einer eigenen Handschrift. Sowohl die Road-Movie-Konstellation
mit dem eher symbolischen Ziel als auch die schicksalhafte Begegnung
unterschiedlicher Charaktere diente bereits zahlreichen Produktionen
wie ,Knocking on Heavens Door als Aufhänger für
die eigene Geschichte. Die Tourette-Thematik, zumal sie nicht wirklich
vertieft wird, kann dieses Originalitätsdefizit nur bedingt
ausgleichen. Akzeptiert man erstmal den Déjà-vu-Effekt,
so funktioniert ,Vincent will Meer aber zumindest in den Grenzen
eines gut gespielten Feel-Good-Stücks. (Programmkino.de)
Läuft am So., 26.9., um 12.30 Uhr in der Matinee und Mi., 29.9., um 19.30 Uhr.
Internetseite: www.constantin-film.de