Mapa de los sonidos de Tokyo von Isabel Coixet; E 2009; 106 Min.; FSK: ab 16; Kamera: Jean Claude Larrieu;
mit Rinko Kikuchi, Sergi López, Min Tanaka, Manabu Oshio,Takeo Nakahara, Hideo Sakaki u.a.
Längst gilt sie als Spezialistin für elegante Melodramen: Die spanische Regisseurin Isabel Coixet. Mit ihrer neuen ungewöhnlichen Noir-Romanze ,Eine Karte der Klänge von Tokio, in der eine japanische Fischmarktverkäuferin aus Tokio ein Doppelleben als Auftragskillerin führt und sich prompt leidenschaftlich in ihr Opfer verliebt, wird die Katalanin erneut ihrem Ruf gerecht. Auch dieses Mal brilliert die Film-Poetin mit ihren ästhetischen Bildern und ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre und Stimmungen.
,Das ist ein sehr sinnlicher Wein, erklärt David (Sergi Lopez) seiner Kundin. ,Sinnlich, zweifelnd blickt die junge Frau zu ihm auf, ,wie kann ein Wein sinnlich sein? ,Alles kann sinnlich sein, weiß der Spanier. Was der Weinhändler aus Barcelona freilich nicht ahnt als er seine neue Bekannte anschließend zum Abendessen einlädt. Die zierliche Ryu (Rinko Kikuchi) führt ein Doppelleben. Die unscheinbare Fischmarktverkäuferin verdingt sich hin und wieder als Profikillerin. Ihr neuer Auftrag: Die unnahbare Einzelgängerin soll ausgerechnet ihn aus dem Weg räumen. Ihr einziger Freund, ein Tonmann (Min Tanaka), zeichnet all ihre Gespräche auf. Aus dem Off erzählt der zurückhaltende ältere Mann die Geschichte dieser sich anbahnenden, tragisch, unmöglichen Liebesaffäre.
Als die Tochter des erfolgreichen Geschäftsmannes Nagara (Takeo Nakahara) Selbstmord begeht, glaubt der verzweifelte Vater den eigentlichen Schuldigen schnell gefunden zu haben: Ihr spanischer Freund David (Sergi Lopez), der Midori, das Mädchen, nicht genug geliebt hat. Nagaras Assistent Ishida (Hideo Sakaki) soll deshalb einen Killer auftreiben, der den Weinhändler zur Strecke bringt und Rache nimmt. Ishidas Wahl fällt auf Ryu. Doch die verliebt sich prompt in den impulsiven Spanier und erlebt mit ihm eine kurze Zeit des unbeschwerten Glücks.
Immer wieder geht es in Isabel Coixets Filmen um das Risiko von Beziehungen, Sprachlosigkeit und dem Mut zur offenen Kommunikation. Coixets junge Frauen werden aus ihrem gewohnten Lebenszusammenhang gerissen, erleben in Begegnungen mit teils wesentlich älteren Männern, gefährdete Zeiten des Glücks und versuchen sich in Doppelexistenzen wie Ryu. Die Abwesenheit der Liebe, Entfremdung und Vereinsamung das ist es, wovon das Melodram letztlich schmerzlich erzählt. ( )
Doch die große Poetin des Filmischen brilliert auch dieses Mal mit ihren Bildern, ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre, Schönheit und den großen Themen Liebe und Tod. Aber es ist eine Schönheit in Traurigkeit. Mit außergewöhnlicher filmtechnischer Souveränität komponiert die Katalanin den inneren Kosmos, spürt seismografisch in langsam fließender Erzählweise den Befindlichkeiten ihrer Figuren nach. Ihr inszenatorisches Raffinement drängt sich nie selbstgefällig in den Vordergrund. Manchmal freilich wirken die melancholischen Monologe aus dem Off teilweise etwas unbeholfen gegenüber der ausgereiften, eigenwilligen Bildsprache. ( )
Auch wenn Coixet zunächst die üblichen stereotypen Ansichten von Tokio zeigt, wie den Fischmarkt, Tokyo Tower, Stadtansichten in Vogelperspektive und neonglitzernde Love Hotels gelingt es ihr trotzdem tiefer einzutauchen. Hinzu kommt, dass sie die Metropole durch Sounds und typische Alltagsgeräusche fast kartografiert sowie charakteristische Eigenheiten japanischer Lebensart aufzeigt: der metallisch harte Klang beim Zerhacken von Thunfisch oder das charakteristische Schlürfen, wenn jemand seine Nudelsuppe löffelt. Darüber hinaus bildet die Musikalität des Films ein ganz eigenes Kapitel. Die Bedeutung, die Musik dabei hat, und die Weise, wie die Sprache der Bilder, ihr Schnitt zu den Rythmen des Tangos, Bossa Novas, den Jazzliedern analog korrespondieren. Ein vergleichbares Gefühl für Licht, Farben und Rhythmus, all das, was den Schmelz des Kinos ausmacht, findet sich nicht oft. (Programmkino.de)
Isabel Coixet (,Elegy) zaubert mit hypnotischen Bildern eine erotische Variante von ,Lost in Translation. (Brigitte)
Läuft am Di., 7.9., und Mi., 8.9., jeweils um 21.15 Uhr.
Ermässigter Eintritt für Schüler & Studenten: 5, Euro.
Internetseite: www.alamodefilm.de
Fish Tank
von Andrea Arnold; GB 2009; 122 Min.; FSK: ab 12; Kamera: Robbie Ryan; Musik: div.;
mit Katie Jarvis, Michael Fassbender, Kierston Wareing, Rebecca Griffith, Harry Treadaway u.a.
Viel Beifall und Beachtung fand Andrea Arnolds Sozialdrama ,Fish Tank bereits bei den letztjährigen Filmfestspielen von Cannes, wo es mit dem ,Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. In einer tristen Hochhaussiedlung und ohne echte Perspektive wächst die 15-jährige Mia auf. Als sich der rebellische Teenager in den neuen Freund der Mutter verliebt, bleibt das nicht ohne Folgen. Neuentdeckung Katie Jarvis ist dank ihrer Präsenz der emotionale Dreh- und Angelpunkt dieser feinen britischen Produktion.
Für Mia (Katie Jarvis) hält der Alltag in einer tristen Sozialsiedlung kaum Höhepunkte bereit. Der Teenager kämpf mit sich, seiner oftmals wechselnden Gefühlslage und gegen alle anderen. Eine Schule besucht sie schon länger nicht mehr. Wer Streit sucht, der muss auf diesen bei Mia nicht lange warten. Und doch ist die 15-jährige kein gefühlskalter Eisklotz. Sie hat Wünsche und Ziele. Das Tanzen zum Beispiel, das lässt sie für kurze Zeit ihre Probleme vergessen. Wie es in ihr aussieht, was sie bewegt, dafür interessiert sich niemand so wirklich. Auch nicht ihre Mutter (Kierston Wareing), die sich lieber mit wechselnden Männern die Zeit vertreibt.
Einer von ihnen steht an einem heißen Sommertag plötzlich halbnackt in der Küche. Connor (Michael Fassbender) ist der neue Freund von Mias Mutter und so ganz anders als deren frühere Liebhaber. Er hat Humor, ist cool, charmant und aufmerksam. Mia fühlt sich gleich zu ihm hingezogen. Seine Ausstrahlung und selbstsicheres Auftreten lösen in ihr etwas aus, das sie sich zunächst nicht eingestehen will. Sie ist verliebt. Vor allem aber nimmt er sie Ernst. Er interessiert sich für ihr Leben und das nicht aus bloßer Höflichkeit. Schließlich kommen sich beide näher.
Manche Wege, die ,Fish Tank im Verlauf seiner 122 Minuten nimmt, scheinen lange vorgezeichnet, andere wiederum entstehen praktisch aus dem Nichts. Das verleiht dieser realistischen, von falscher Sozialromantik glücklicherweise befreiten Milieustudie eine bis zum Schluss authentische Lebendigkeit und Spannung. Die Orte, an denen Filmemacherin Andrea Arnold ihre Kamera aufschlägt, erzählen ihre eigenen Geschichten. Es sind triste Sozialbauten, zum Teil gar leere Wohnungen, in denen die Perspektivlosigkeit von jungen Familien und alleinerziehenden Müttern zu Hause ist. Es ist ein Blick wie aus einem Aquarium, den Mia auf die Welt hat und der ihren Wunsch, bei einem Tanz-Casting teilzunehmen, zusätzlich befeuert.
Doch Arnold belässt es nicht bei einer Bestandsaufnahme des Status Quo. Ihr ,Fish Tank ist weit mehr als ein Ausflug in die Wirklichkeit der britischen Under Class, es ist zugleich auch ein Ausflug in das Leben eines rebellierenden Teenagers, einer heranwachsenden jungen Frau. Der Film portraitiert Mia mit all ihren Widersprüchen und Fehlern. Mal sucht sie die Freiheit, die Emanzipation von ihrem chaotischen Zuhause das Tanzen ist ihre Form, diesen Impuls auszudrücken , dann wieder flüchtet sie genau dorthin zurück. Sich nichts Gefallen lassen, nach außen hin Stärke demonstrieren, auch wenn es in einem ganz anders aussieht, zwischen diesen Gegensätzen eines Teenager-Lebens bewegt sich Mia und mit ihr Arnolds couragierter Film, in dem ein ,I hate You nicht immer wörtlich zu verstehen ist.
Die Newcomerin Katie Jarvis gibt hier ihr Filmdebüt. Von Arnold wurde sie durch Zufall auf der Straße entdeckt, als sie sich angeblich lautstark mit ihrem Freund stritt für die Rolle in ,Fish Tank keine schlechte Vorbereitung. Jarvis verkörpert Mia mit unbändiger Energie und Hingabe. Man hat sofort das Gefühl, dass sie weiß, was sie da spielt. Ihre Souveränität wird lediglich noch von ihrer Präsenz übertroffen. Gegen ihre Mia hat es selbst ein gestandener Schauspieler wie Michael Fassbender schwer. Schon allein um diese Rotzgöre in Aktion zu erleben, lohnt ein Besuch von ,Fish Tank. (Programmkino.de)
Läuft von Do., 30.9., bis Mo., 4.10., jeweils um 21.30 Uhr sowie am Mi., 6.10., um 19.15 Uhr.
Erhöhter Eintritt wg. Überlänge: 6,50 Euro, von Do. bis Mo. ermässigt für Schüler und Studenten: 5,50 Euro.
Internetseite mit Filmtrailer: www.fishtank-film.de
Das Konzert
,Le Concert von Radu Mihaileanu; F 2010; 122 Min.; FSK: ab 6; CinemaScope; Kamera: Laurent Dailland; Musik: Armand Amar;
mit Alexei Guskow, Dimitri Nazarov, Melanie Laurent, François Berléand, Miou-Miou, Valeri Barinov u.a.
Andrej Filipov (Alexei Guskow) galt einst als Wunderknabe, als Dirigent des legendären Bolschoi-Orchesters feierte er Triumphe. Inzwischen ist er 50 Jahre alt und arbeitet immer noch am selben Haus mittlerweile jedoch als Putzmann. Seine Weigerung während des kommunistischen Regimes ,Zionisten sind Volksfeinde! jüdische Mitmusiker zu entlassen, hat ihn den Posten gekostet und auch seinem besten Freund, dem Cellisten Sacha Grossman (Dmitri Nasarow).
Seit jenen Tagen trinkt Andrej und ihn plagen Depressionen. Am schlimmsten sind aber die ewigen Demütigungen des Direktors, eines bornierten Apparatschiks, der seinem Ex-Star immer wieder höhnisch verspricht, ihn und sein Orchester demnächst zu reaktivieren. Da fällt ihm eines Tages, während er das Büro seines Chefs reinigt, zufällig ein Fax des Pariser Théâtre du Châtelet in die Hände. Der dortige Direktor Olivier Morne Duplessis (Francois Berléand) sucht händeringend Ersatz für die indisponierten Philharmoniker aus San Francisco.
Kurzentschlossen steckt Andrej das Fax ein und löscht die dazugehörige E-Mail. Er beschließt, das Orchester in alter Besetzung wieder aufleben zu lassen und an Stelle des jetzigen in der französischen Metropole zu spielen. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Ex-Kollegen, sind in alle Winde zerstreut, arbeiten inzwischen als Möbelpacker, Taxifahrer, Straßenmusiker, Handyverkäufer und Flohmarkthändler ja einer liefert sogar die Soundeffekte für Pornofilme.
An der Seine bereitet man sich unterdessen fieberhaft darauf vor, das legendäre Orchester zu empfangen. Es gilt vor allem, die französische Geigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) zu kontaktieren. Andrej hat für seine Teilnahme nämlich eine Bedingung gestellt: Das junge Talent soll ein Solo beim Auftritt des Orchesters spielen. Derweilen macht sich die wilde Truppe auf den Weg in den Westen, eine Reise mit höchst ungewissem Ausgang ...
Radu Mihaileanus impulsive, herzerwärmende Komödie ,Das Konzert gehört mit zwei Césars, dem französischen Pendant zum Oscar, zu den Gewinnern im Jahr 2010. Allein in Frankreich ließen sich bisher mehr als zwei Millionen Besucher vom vielfach ausgezeichneten Film des französisch-rumänischen Regisseurs begeistern.
Radu Mihaileanu ist mit ,Das Konzert ein fulminanter, rasanter und auch tiefsinniger Film über Menschlichkeit, Liebe, Verantwortung und die alles verbindende Macht der Musik gelungen. Neben dem in seiner russischen Heimat gefeierten Star Alexei Guskov glänzen unter anderem Dimitri Nazarov als bester Freund des Dirigenten sowie Mélanie Laurent (,Inglourious Basterds) als junge Violinistin und Miou Miou (,The Science of Sleep) als deren Agentin. (Verleihinfo)
Einmal mehr widmet sich der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu vor allem bekannt für seinen Holocaust-Film ,Zug des Lebens auf tragikomische Weise dem Umgang mit der Vergangenheit. Hier ist es ein Konzert, das nicht nur eine abgehalfterte Truppe russischer Musiker nach Paris führt, sondern auch traumatische Ereignisse aus der Vergangenheit ans Licht bringt. Auch wenn ,Das Konzert bisweilen etwas sehr zwischen Klamauk und Kitsch changiert, kann man sich der Kraft der Musik und der Emotionen kaum entziehen.
Einst galt Andrei Filipov (Alexei Guskov) als Wunderkind, führte das weltberühmte Bolschoi-Orchester zu Triumphen, nun putzt er nur noch das verfallende Orchestergebäude. Seit er sich Anfang der 80er Jahre für eine jüdische Musikerin einsetzte, hat Andrei wenig zu lachen. Der Orchesterchef gleichzeitig KGB-Informant sorgte für seine Entlassung und so bleibt Andreis großer Traum noch unerfüllt: Einmal im berühmten Pariser Theatre du Chatelet auftreten und Tschaikowsky spielen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Traum in Erfüllung gehen könnte, doch dann fängt Andrei ein Fax ab: Eine Einladung des Bolschoi-Orchesters nach Paris. Kurz entschlossen beginnt Andrei seine in alle Winde verstreuten Musiker aufzusuchen, die inzwischen als Taxifahrer, Möbelpacker oder Trödler ein eher klägliches Dasein fristen. Der Wandel vom kommunistischen Regime zum ungezügelten Kapitalismus ist den Musikern nicht gut bekommen. Ihre Instrumente verstauben im besten Fall, wenn sie nicht verkauft wurden, die feinen Anzüge sind längst eingemottet und Musik gespielt haben sie seit Jahren nicht.
Eine schöne, überdrehte Satire ist ,Das Konzert in dieser Phase, mit grobem Strich nimmt Radu Mihaileanu die Exzesse des Kapitalismus auf die Schippe, schlingert zwar immer hart am Klischee vorbei, aber die Pointen sitzen. Doch es gibt noch eine andere Ebene und die ist ebenso hart an der Grenze zum Kitsch. Bevor er das Konzert in Paris spielt, hat Andrei eine Bedingung: Die junge französische Geigerin Anne-Marie Jacquet (Melanie Laurent) soll engagiert werden. Warum, ist weder dem Manager des Pariser Theater noch Andreis Musikerkollegen zunächst bewusst. Bald wird jedoch klar, dass Anne-Marie unmittelbar mit den Ereignissen verbunden ist, die vor bald 30 Jahren zum Ende des Orchesters führten.
Im Gegensatz zu seinem Holocaust-Drama ,Der Zug des Lebens, der bei seiner Erstaufführung zu unrecht von Roberto Benignis ,Das Leben ist schön überschattet wurde, schlägt Radu Mihaileanu mit seinem jüngsten Film deutlich leichtere Töne an. Das Schicksal der Eltern Anne-Maries deutet zwar die Gulags des kommunistischen Sowjetregimes an (auch wenn diese Anfang der 80er Jahre nicht mehr existierten, wie der Film suggeriert), im Vordergrund steht aber stets die rührselige Versöhnung in der Gegenwart. Von den satirischen Elementen der ersten Hälfte des Films bleibt hier zwar wenig übrig, angesichts der mitreißenden Inszenierung des finalen Konzerts nicht zuletzt dank Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester in D-Dur wird die sentimentale Note der Geschichte zwar auf die Spitze getrieben, entziehen kann man sich den Emotionen aber kaum. So ist ,Das Konzert ein anrührender, amüsanter Film, der in Frankreich ein großer Erfolg war, was ihm fraglos auch in Deutschland beschieden sein dürfte. (Programmkino.de)
Läuft von Do., 2.9., bis So., 5.9., jeweils um 19.15 Uhr und am Mo., 6.9., um 21.15 Uhr.
Erhöhter Eintritt wg. Überlänge: 6,50 Euro.
Am Mo. erm. Eintritt für Schüler & Studenten: 5,50 Euro.
Internetseite: www.konzert-derfilm.de
Der kleine Nick
Le petit Nicolas von Laurent Tirard; F 2009, 91 Min.; freigegeben ohne Altersbeschränkung;
Kamera: Françoise Dupertuis; Musik: Klaus Badelt;
mit Maxime Godart, Valerie Lemercier, Kad Merad, Sandrine Kiberlain, Michel Galabru, Vincent Claude u.a.
Pünktlich zum 50. Geburtstag, den die Geschichten um den kleinen Nick im letzten Jahr feierten, entstand diese in Frankreich enorm erfolgreiche Verfilmung. Bei allen Problemen der Adaption nicht ganz zu unrecht, denn auch wenn ,Der kleine Nick bisweilen arg nostalgisch ist, kann man sich dem Charme der Kinderdarsteller kaum entziehen.
1959 muss sich René Goscinny auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft befunden haben. In diesem Jahr erfand er nicht nur Asterix, den berühmtesten Gallier der Comicgeschichte, sondern auch den kleinen Nick. Zusammen mit den leichten, bisweilen an Karikaturen erinnernden Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé wurde der kleine Nick weltberühmt und ist nun mit einiger Verspätung dem Schicksal erlegen, dass fast alle berühmten Figuren der Literaturgeschichte früher oder später erfahren: Er wurde verfilmt.
Da die Geschichten um den kleinen Nick sehr kurz sind, nahmen sich die zahlreichen Drehbuchautoren gleich einem ganzen Haufen an und formten sie zu einer losen, episodischen Erzählung. Grober roter Faden ist die Sorge des kleinen Nicks vor einem Geschwisterchen, dass nicht nur jene Fragen hervorbringt, vor denen sich Eltern fürchten ,Mama, wo kommen denn Babys her sondern auch zu etlichen Abenteuern führt. Die finden vor allem in der Schule statt, wo der kleine Nick all seine Freunde trifft: Den ständig essenden Otto, den Klassenbesten und notorischen Petzer Adalbert, Chlodwig, der ständig in der Ecke stehen muss und all die anderen. Natürlich gehören dazu auch die Erwachsenen, die Nicks Welt bevölkern: Neben seinen Eltern (gespielt von Valerie Lemercier und Kad Merad) ist das vor allem die gutmütige, von den pausenlosen Streichen der Kinder erschöpfte Lehrerin (Sandrine Kiberlain), der griesgrämige Hilfslehrer Herr Hühnerfeld und der ständig seine Hecke trimmende Nachbar Herr Bleder.
Man merkt also, dass sich die Macher redliche Mühe gegeben haben, all die bekannten Figuren der Vorlage auftreten zu lassen. Ebensoviel Liebe zum Detail ist in die fiktive 50er Jahre Welt gegangen, in der die Kinder noch mit Schlips und Anzug zur Schule gehen, sauber gescheitelt sind und nur harmlose Flausen im Kopf haben. Während diese latent nostalgische Welt, die fortwährend eine bessere Zeit beschwört, die so wohl nie existiert hat, in den Geschichten und den Zeichnungen nur angedeutet ist, lässt der Film zwangsläufigerweise eine komplette Welt entstehen. Die Subtilität der Zeichnungen Sempés, der mit feinem Strich und leichter Überzeichnung eine unterschwellig karikierende Welt entwarf, geht dem Film weitestgehend ab. Das gilt erst recht für die Erwachsenendarsteller, die mit großer Geste Komik erzeugen sollen und meist eher klamaukig wirken. Ganz anders dagegen die perfekt gecasteten Kinderdarsteller. Größtenteils Debütanten, beleben sie den Film mit ihrem natürlichen Charme, agieren vor der für sie ungewohnten Kamera vollkommen unbefangen und machen den Film ( ) doch zu einem großen Vergnügen. An einen französischen Kinderfilmklassiker wie ,Der Krieg der Knöpfe kommt ,Der kleine Nick zwar bei weitem nicht heran, eine amüsante Verfilmung der berühmten Vorlage ist Regisseur Laurent Tirard jedoch allemal gelungen. (Programmkino.de)
Das Ganze ist verpackt in eine wunderschöne und ungeheuer liebevolle Ausstattung der späten 50er Jahre bis ins letzte Detail. Man hat das Gefühl in eine Comic-Zeichenwelt versetzt zu sein, so bilderbuchartig ist die Idylle, in der die Geschichte spielt. Auch die einzelnen Elemente der Geschichte werden mit viel Fantasie und umwerfender Spielfreude aller Darsteller umgesetzt. Man kommt aus dem Schmunzeln und aus der auf den Zuschauer übertragenen Fröhlichkeit nicht mehr heraus. (Filmbewertungsstelle Wiesbaden, Prädikat: Besonders wertvoll)
Ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene. (Kultur-Spiegel)
Läuft am Do., 23.9., Fr., 24.9., Mo., 27.9., und Di., 28.9., jeweils um 19.30 Uhr
sowie am Sa., 25.9., und So., 26.9., jeweils um 17.00 Uhr.
Internetseite: www.derkleinenick.centralfilm.de
London Nights
Unmade Beds von Alexis Dos Santos; GB 2009; 96 Min.; FSK: ab 12;
Kamera: Jackob Ihre; Musik: (We are) Performance, Connan Mockasins, Plaster of Paris u.a.;
mit Richard Lintern, Iddo Goldberg, Déborah François, Al Weaver, Fernando Tielve, Tim Plester, Michiel Huisman, Alexis Dos Santos u.a.
In der Tradition der Nouvelle Vague erzählt Alexis Dos Santos von verträumten und vertrunkenen Nächten in Londons europäischer Underground-Szene. Axl ist aus Madrid nach London gekommen, um seinen Vater zu finden. Die Belgierin Vera hängt ihrer letzten Liebe nach und trifft einen Fremden. Mike träumt vom Fliegen. Eine Matratze wird umgetragen. Tage und Nächte, große Gefühle und kleine Begebenheiten, Menschen und Kleider alles fließt ineinander in Dos Santos atmosphärischem Porträt eines Lebensgefühls zwischen Leichtigkeit und Melancholie.
,London Nights beschreibt ein Lebensgefühl. Die Protagonisten des Films sind Anfang zwanzig, vage auf der Suche nach irgendetwas, aber noch nicht besonders in Eile, es auch finden zu müssen. Aus ganz Europa hat es sie in London angeschwemmt. Immer sind sie entweder dabei, an langen Abenden abzustürzen, oder verkatert in einen neuen Tag zu finden, der zuende ist, bevor sie dort angekommen sind. Dann ist wieder Nacht in den Indie-Kneipen und Clubs und in dem ,Squat, in dem die Twens ein Zuhause gefunden haben, und das ebenso wie sie selbst ständig seine Konturen verändert.
Zwei von Ihnen folgt der Film auf ihren verschlungenen Wegen durch verpeilte Londoner Wochen. Der erste ist Axl. Er ist aus Madrid nach London gekommen, um seinen Vater zu finden, der die Familie verlassen hat, als Axl drei Jahre alt war. Axl kann sich an die Zeit mit seinem Vater nicht erinnern. Er kann sich auch am nächsten Morgen nach einer Party nie erinnern, wen er getroffen hat, was er erlebt hat und wie er in das Bett gekommen ist, in dem er aufwacht. Irgendwie fehlt der Zusammenhang, den vielleicht der Vater wieder herstellen könnte. Unter dem Vorwand, eine Wohnung zu suchen, trifft sich Axl mit dem geradlinigen Immobilienmakler und Anzugträger, der sich gewissenhaft um eine neue Familie kümmert. Aber irgendwie erscheint dessen ordentliche Wirklichkeit um Einiges weniger real als die träumerischen Nächte von Axl und seinen Freunden.
Die zweite der Nachtgestalten ist eine junge Belgierin. Vera hat Liebeskummer, denkt viel nach und an besonders melancholischen Orten macht sie ein Polaroidfoto. Sie jobbt in einem Buchladen und findet, dass es gut ist, Bücher auch mal falsch einzusortieren wie soll man sonst Überraschungen erleben? Eines Abends trifft sie einen jungen Mann, den sie tatsächlich mag. Statt am nächsten Tag Telefonnummern und Namen zu tauschen verabreden sich die beiden und überlassen den Rest dem Zufall. Das Risiko, sich in der Großstadt auf immer zu verlieren, nehmen sie in Kauf. Finden und verlieren, finden und verlieren, immer aufs Neue.
,London Nights macht viele Dinge, die Debütfilme (es ist Dos Santos zweiter Langfilm) so machen: ein episodischer Plot, Polaroidfotos, dicke Metaphern. Der Indie-Soundtrack ist zugleich träumerisch und obercool und die Bilder erinnern an Wong Kar-Wais frühe Filme ,Fallen Angels und ,Happy Together. Bei Dos Santos finden diese vertrauten Elemente zu einem überzeugenden Ganzen zusammen. Das Ergebnis ist weniger das Porträt einer Generation als das eines Gefühls. ,London Nights zelebriert einen Schwebezustand zwischen Leichtigkeit, Sehnsucht und Melancholie, in dem Tage, Tätigkeiten und Menschen absichtslos ineinander fließen. In Zeiten, in denen es auch im Film meistens darum geht, möglichst effektiv erwachsen zu werden, ist das fast schon eine Utopie. (Programmkino.de)
Mit Leichtigkeit erzählt, tolle Musik, überraschend sympathisch. (Kultur-Spiegel)
Läuft von Do., 9.9., bis Mo., 13.9., jeweils um 21.30 Uhr.
Ermässigter Eintritt für Schüler & Studenten: 5,Euro.
Internetseite: www.koolfilm.de
Männer al dente
,Mine Vaganti von Ferzan Ozpetek; It 2010; 116 Min.; FSK: ohne Altersbeschränkung;
mit Riccardo Scamarcio, Ennio Fantastichini, Alessandro Preziosi, Nicole Grimaudo, Lunetta Savino, Ilaria Occhini u.a.
Vor der pittoresken Urlaubs-Kulisse des süditalienischen Lecce entwirft Filmemacher Ferzan Ozpetek eine heiter-melancholische Sommerkomödie, bei der sich alles um zu lange aufrecht gehaltene Lebenslügen dreht. Mit seinem Coming Out bringt der Sohn eines erfolgreichen Pasta-Unternehmers die Familienidylle aus dem Gleichgewicht. Nun setzt der Herr Papa alle Hoffnungen auf seinen anderen Sprössling, nichtahnend, dass auch dieser Männern in der Liebe den Vorzug gibt. Mit viel Herz und etwas Schmerz zelebriert ,Männer al dente mediterrane Lebenslust.
,La Familia in Italien, insbesondere im konservativen Süden, wird auf den Zusammenhalt und die Außendarstellung der eigenen Sippe noch großen Wert gelegt. Es ist ein Gemeinschaftsgefühl, das weit über das den meisten von uns vertraute Maß hinausgeht. Umso schlimmer muss es für ein stolzes Familienoberhaupt sein, wenn er erfährt, dass seine Kinder aus Angst ihm jahrelang etwas vorspielten, weil sie schlichtweg ,anders sind. Anders heißt in diesem Fall schwul ein Albtraum für einen Macho-Vollblutitaliener wie Vincenzo Cantone (Ennio Fantastichini).
Der erfolgreiche Unternehmer hat nur einen Wunsch: Seine Söhne Antonio (Alessandro Preziosi) und Tommaso (Riccardo Scamarcio) sollen den elterlichen Betrieb, eine weit über die Grenzen Italiens bekannte Pastafabrik, einmal weiterführen. Während Antonio bereits in der Firma arbeitet, studiert sein jüngerer Bruder Tommaso in Rom. Anders als die Eltern glauben, interessiert er sich jedoch nicht für Zahlen und Rechnungswesen, die Literatur und das Schreiben haben es ihm angetan. Tommaso will Schriftsteller werden. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Tommaso ist außerdem schwul. Minutiös plant er nach Jahren der Geheimhaltung sein Coming Out vor der versammelten Familie. Er ist das Versteckspiel um seinen Freund Marco (Carmine Recano) leid. Dumm nur, dass Antonio mit dem eigenen Coming Out Tommasos Plan in praktisch letzter Sekunde durchkreuzt. Plötzlich sieht er sich in der Rolle von Papas neuem Liebling, in den das Familienoberhaupt all seine verbliebenen Hoffnungen setzt.
,Männer al dente wird als heitere, bisweilen auch tragikomische Sommerkomödie mit viel süditalienischem Lokalkolorit beworben. Und in der Tat erfüllt Ferzan Ozpeteks neue Regiearbeit alle Kriterien, die man gemeinhin an einen mediterranen Wohlfühlfilm anlegt. Gedreht in und um das malerische Lecce sorgt bereits die barocke Kulisse für reichlich Urlaubsflair. Die Geschichte wiederum spinnt aus der vielleicht etwas konstruierten Ausgangslage eine feinfühlige, mitunter durchaus zotige Familienkomödie, bei der auch italienische Institutionen wie das des stolzen Padres und der übervorsorglichen Mama nicht fehlen dürfen. Für den aus der Türkei stammenden Wahl-Römer Ozpetek war der Film nach eigenen Bekunden eine Herzensangelegenheit. Das glaubt man ihm sofort, sind doch die Charaktere allesamt mit viel Charme und Wärme gezeichnet. Sogar Nebenfiguren wie Tommasos Großmutter widmet sich Ozpetek hingebungsvoll, wobei der alten Dame eine besondere Rolle zufällt. Sie fungiert als Bindeglied zwischen zwei Zeitebenen, die am Ende in einer eindrucksvollen Montage schließlich miteinander verschmelzen.
Es ist dem Film hoch anzurechnen, dass er sich nicht als reines Unterhaltungs- und Spaß-Vehikel mit queerem Einschlag versteht. Ozpetek und sein Co-Autor Ivan Cotroneo spielen zwar vor allem beim Besuch von Tommasos Freunden durchaus genüsslich mit schwulen Klischees ein Strandausflug endet folgerichtig mit der Performance von Baccaras Gay-Hymne ,Sorry Im a Lady , es bleibt aber nicht bei diesem oberflächlichen Blick auf das Seelenleben der Brüder. Tommasos innere Zerrissenheit, einerseits das Versteckspiel beenden und andererseits seinen kranken Vater nicht enttäuschen zu wollen, nimmt viel Raum ein, wobei der Film diesen kaum lösbaren Gewissenkonflikt aufrichtig und ernst verhandelt. Diese Balance aus heiteren und nachdenklichen Momenten hält ,Männer al dente bis zu seiner gelungenen Schlusseinstellung bei.
Ozpeteks süditalienische Familienchronik ist letztlich ein überzeugendes und ergreifendes Manifest für Horaz arg strapaziertes ,Nutze den Tag. Sein Film plädiert für Toleranz und Akzeptanz ohne gleichzeitig in falsche Betroffenheit oder moralinsaure Ansprachen zu verfallen. Manche wie Vater Cantone benötigen mehr Zeit als andere, um zu erkennen, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Weder für Tommaso, noch für Antonio und auch nicht für alle anderen, die sich aus Angst vor den Konsequenzen bislang nicht zu ihrer wahren Liebe bekannt haben. (Programmkino.de)
Läuft am Do., 16.9., bis Sa., 18.9., sowie am Mo., 20.9., und Di., 21.9., jeweils um 19.15 Uhr.
und am So., 19.9. um 12.30 Uhr in der Matinee sowie um 17.00 Uhr
Internetseite: www.maenner-al-dente.de
Männer im Wasser
Allt flyter von Måns Herngren; S/D 2009; 102 Min.; freigegeben ohne Altersbeschränkung; Kamera: Henrik Stenberg; Musik: The Soundtrack of Our Lives; mit Jonas Inde, Amanda Davin, Andreas Rothlin Svensson, Jimmy Lindström, Peter Gardner, Benny Haag, Shelby Niavarani u.a.
Fredrik, arbeitsloser Redakteur und ambitionierter Freizeit-Sportler, steckt tief in der Midlife-Crisis. Seine Ehe liegt in Scherben, seine Frau will die aufmüpfige Teenager-Tochter bei ihm abladen, um ihrer Karriere nachzugehen und nach einer katastrophalen Niederlage ist es auch noch um die Zukunft seines heiß geliebten Hockeyteams schlecht bestellt. Eine neue Herausforderung muss her! Aus einer Schnapsidee heraus eröffnet sich für Fredrik ein neues Betätigungsfeld: Synchronschwimmen. Zuerst glauben die Jungs aus seinem alten Hockey-Team an einen schlechten Scherz, aber Fredrik leistet harte Überzeugungsarbeit. Und nicht nur das: Kaum sind alle mit im Boot, träumt Fredrik, typisch Mann, auch gleich von der Teilnahme an den Synchronschwimm-Weltmeisterschaften in Berlin als Schwedens offizielles männliches Team. Das Projekt unter dem Motto Go for Gold hat nur einen kleinen Schönheitsfehler die Truppe hat keinen blassen Schimmer vom Synchronschwimmen...
Mit einer Mischung aus ungezwungenem Humor und erfrischenden Charakteren inszenierte Regisseur Måns Herngren Männer im Wasser mit leichter Hand und verliert dennoch nie an Tiefe. Fredrik, ein Vater auf Selbstfindungskurs, erfährt erst im Halt durch Familie und Freundschaft, dass das Leben kein Einzelzeitfahren ist, sondern nur als Teamsport funktioniert. Männer im Wasser eine synchrone Komödie über Männerfreundschaften in der Midlife-Crisis, Diskriminierung im Wasser und verzwickte Familienbeziehungen. (Verleihinfo)
Männer und Synchronschwimmen. Die schwedische Außenseiter-Komödie ,Männer im Wasser führt diese scheinbaren Gegensätze im Rahmen einer nicht immer ganz konfliktfreien Vater-Tochter-Geschichte zusammen. Das Resultat ist ein heiteres, sehr charmantes Feel-Good-Stück, dessen Strickmuster sehr an Erfolgskomödien wie ,Ganz oder gar nicht erinnert. Mit seinen liebenswerten Figuren ist der Film insgesamt recht überzeugend gelungen..
Auf das Älterwerden ist nicht jeder gleichermaßen vorbereitet. Während nicht wenige Frauen mit Hautcremes der Natur zumindest temporär Paroli zu bieten hoffen, leiden Männer eher still vor sich hin. Manch einer, der es sich leisten kann, kauft sich in seiner Midlife-Crisis einen schnellen Sportwagen. Für den arbeitslosen Journalisten Fredrik (Jonas Inde) ist das allein schon aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten keine wirkliche Option. Die Ehe des Mittvierzigers scheint am Ende, und während seine Frau in London Karriere als TV-Reporterin macht, muss er sich daheim in Schweden mit seiner pubertierenden Tochter Sara (Amanda Davin) auseinandersetzen.
Dem passionierten Freizeit-Sportler reicht es. Er sucht eine neue Herausforderung und findet sie dort, wo es wohl kaum einer seiner Freunde vermutet hätte. Aus einer reichlich albernen Idee für einen Junggesellenabschied entwickelt Fredrik neuen Ehrgeiz: Er plant, eine Mannschaft im Synchronschwimmen aufzubauen. Zusammen mit seinen Hockey-Kumpels, die der Idee zunächst skeptisch gegenüberstehen, will er Schweden bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Berlin vertreten. Bis es soweit ist, muss die Truppe jedoch ein hartes Trainingsprogramm absolvieren. Dumm nur, dass keiner der Männer von Synchronschwimmen auch nur die geringste Ahnung besitzt. In dieser scheinbar aussichtslosen Lage bietet sich Fredriks Tochter unverhofft als Coach der Möchtegern-Grazien an. Sie glaubt an ihren Vater und an dessen ungewöhnliches Projekt.
So neu und ungewöhnlich das Thema Synchronschwimmen noch dazu, wenn es von Männern ausgeübt wird auf den ersten Blick auch erscheinen mag, die Idee, die dahinter steckt und die das Drehbuch von Måns Herngren und Jane Magnusson äußerst charmant aufgreift, ist nur bedingt originell. Männer in der Midlife-Crises bieten sich als Stoff für eine tragikomische Erzählung förmlich an. In Erinnerung bleibt vor allem die britische Underdog-Geschichte ,Ganz oder gar nicht. Diese nennt Autor und Regisseur Herngren dann auch als eine der wichtigsten Inspirationsquellen für seinen Film. Wie die strippenden Working-Class-Helden in Peter Cattaneos Überraschungserfolg sind auch die schwedischen ,Männer im Wasser uneingeschränkte Sympathieträger, deren kleine Missgeschicke und Freuden sich unmittelbar auf den Zuschauer übertragen. Es macht einfach Spaß mitzuerleben, wie sich Fredrik dank der neuen Herausforderung allmählich aus seinen privaten wie beruflichen Zwängen freikämpft.
Ganz nebenbei erfährt man einiges Wissenswertes über eine oftmals belächelte Sportart. Synchronschwimmen wurde einst von Männern erfunden und anfangs nur von diesen ausgeübt. Frauen war es hingegen bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts verboten, sich derart freizügig in der Öffentlichkeit zu zeigen. Interessant ist vor diesem Hintergrund, wie der Film die Geschlechterrollen vertauscht und in Person von Fredriks Tochter Sara ein selbstbewusstes und zugleich modernes Frauen-/Mädchenbild etabliert. Sie ist es, die der chaotischen Männer-Truppe Disziplin beibringt und die Organisation schultert. Die wiederkehrenden Konflikte zwischen ihr und ihrem Vater werden von Hernsgren und Magnusson allerdings nur halbherzig verfolgt. Ohnehin bestehen von Beginn an keine Zweifel am positiven Ausgang von Fredriks Aufbauprogramm für müde Männer.
Der schwedische Kommentar zur viel zitierten Midlife-Crises bietet vornehmlich leichte Unterhaltung mit queerem Unterton. Letzteres überrascht ebenso wenig wie der kurze Gastauftritt auf der Stockholmer Gay-Pride. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, dass Hollywood schon bald bei Herngren anklopft und sich die Rechte für ein Remake sichert. Die Traumfabrik liebt bekanntlich Feel-Good-Geschichten, in denen Außenseiter groß rauskommen. (Programmkino.de)
Natürlich fühlt man sich bei dieser sympathischen Komödie über Loser, die eines Tages über sich hinauswachsen, dann und wann an ,Ganz oder gar nicht erinnert. Doch ,Männer im Wasser hat durchaus seinen eigenen Charme, ( ). Angesichts der vielen privaten und gesellschaftlichen Verkrampfungen, die der Film manchmal aufreizend beiläufig zeigt, gewinnt eine Szene innerhalb des Films so eine ganz neue Bedeutung: Um überhaupt erst die Grundlagen für die verzwickten Figuren und Manöver zu schaffen, müssen die Männer sich erst einmal beibringen lassen, wie man im Wasser schwebt eine bessere (und schwierigere) Übung in Sachen Gelassenheit gibt es wohl kaum. ( ) (kino-zeit.de)
Bis zum perfekten Ende meidet der Film die Fallen des allzu Offensichtlichen. Das glückliche Lächeln, mit dem man das Kino verlässt, verdient er sich, statt es zu erpressen. (Münchner Merkur)
Läuft von Do., 26.8., bis Mi., 1.9., sowie wieder von Do., 9.9., bis Mo., 13.9.,jeweils um 19.30 Uhr.
Internetseite: www.maenner-im-wasser.pandorafilm.de
Micmacs Uns gehört Paris!
Micmacs à Tire-Larigot von Jean-Pierre Jeunet; Frankreich 2009; 104 Min.; FSK: ab 12;
CinemaScope; Kamera: Tetsuo Nagata; Musik: Raphael Beau;
mit Dany Boon, Dominique Pinon, André Dussolier, Yolande Moreau, Jean-Pierre Marielle u.a.
Gleich zweimal macht Bazil mit Produkten der Waffenindustrie böse Erfahrungen. Bis er mit seinem Freunden, einer Gruppe wunderlicher Außenseiter, beschließt, den Schreibtischtätern an der Konzernspitze ein Schnippchen zu schlagen
,Micmacs ist nach ,Delicatessen und ,Die fabelhafte Welt der Amelie ein neuer Film von Jean-Pierre Jeunet. In seiner fabelhaften Filmwelt eines zeitlos poetischen Paris fügen sich Kreativität und Komik zu bestem Kintopp. Mitten drin Dany Boon (,Willkommen bei den Schtis), der mit beschwingter, chaplinesquer Komik das Publikum durch den skurrilen Spielzirkus führt.
Das Leben hat es bislang nicht gerade gut gemeint mit Bazil. Zuerst raubt ihm eine Landmine in Nordafrika den Vater, worauf die Mutter in die Nervenheilanstalt und der Junge ins freudlose Kinderheim muss. Später ist es wieder ein Produkt der Waffenindustrie, das den jungen Mann aus seinem Alltag reißt. Ein verirrte Kugel beendet Bazils (Dany Boon) sorglose Dasein als Angestellter einer kleinen Videothek. Als er nach Tagen aus dem Koma erwacht, ist sein Job neu vergeben und seine Wohnung aufgelöst. Dafür hat er nun eine Kugel in seinem Kopf, die nicht entfernt werden kann.
Zum zweiten Mal aus dem Leben gerissen, landet Bazil auf der Straße. Hier lernt er den schrulligen Schrotthändler Canaille kennen. Dieser macht ihn mit einer wunderlichen Truppe von Außenseitern bekannt, die sich in einem geheimen Gewölbe des Schrottplatzes gemeinsam ein neues Zuhause geschaffen haben. Unter der mütterlichen Regentschaft der Köchin Cassoulette (Yolande Moreau) lebt die Gruppe in einer wundersamen Welt voller nostalgischer Fundsachen und poetischer Artefakte, die der Tüftler der Truppe, Petit Piere, aus Schrottteilen zusammenbaut. Gestärkt durch die neue Gemeinschaft, macht sich Bazil daran, endlich mit den beiden Verantwortlichen abzurechnen, die mit den Waffenproduktionen ihrer Fabriken soviel Elend in sein Leben und das vieler anderer Opfer gebracht haben. Bei seinen Nachforschungen findet er heraus, dass die beiden Fabriken der Waffenproduzenten nicht nur vis-à-vis voneinander liegen, sondern die Besitzer untereinander auch verfeindet sind. Bazil und seine neuen Freunde schmieden einen Plan, der die skrupellosen Waffenproduzenten nach allen Regeln der Kunst gegen einander ausspielen soll, um ihnen für immer das Handwerk zu legen. Dabei kommt Bazil zu Gute, dass jeder aus der Truppe über ganz besondere Fähigkeiten verfügt
Zwei Jahre hatte Jean-Pierre Jeunet an der Realisierung der Romanverfilmung ,Schiffbruch mit Tiger gearbeitet, bis das Projekt aus Kostengründen scheiterte. Mit der beschwingten Komödie ,Micmacs filmte sich der Franzose nun den Frust von der Seele. Der skurrile Spaß verbindet die ,Rififi-Raffinesse aus ,Mission Impossible mit der nostalgisch anmutenden poetischen Bilderwelt von Jeunets Filmen ,Die wunderbare Welt der Amélie und ,Delicatessen. Herz des Filmes ist Frankreichs neuer Superstar Dany Boon (,Willkommen bei den Schtis), der hier als gewitzter Tramp auf den Spuren von Charlie Chaplin wandelt. Sein Spiel versprüht genau den richtigen Zauber, um die überbordende Fantasie von Jeunets Kinowelten nicht zum schieren Selbstzweck werden zu lassen. Eine schauspielerische Qualität, wie sie damals auch Audrey Tautou als Amélie in den Film einbrachte. So kann sich der Betrachter ganz der kindlichen Freude am Kampf von David gegen Goliath hingeben. Eine Schlacht, in der sich Kreativität und Komik zu bestem Kintopp vereinen und die am Ende vor allem einen Sieger kennt: den Zuschauer. (Programmkino.de)
Dieser Film ist auch ein Lob des subversiven Bastelns, eine einzige Nostalgie nach der lebenden Seele von weggeworfenen Dingen. Jean-Pierre Jeunet ist unter den Kuriosen ein ganz Grosser: ein Bruder im Geist von Buster Keaton und Terry Gilliam. ( ) Manchmal wirds durchsichtig, und man sieht die Fäden, an denen er seine Figuren führt. Aber es ist anderseits auch das Feine und Beruhigende eines Märchens. (Tagesanzeiger.ch)
Das alles wirkt schon in den ersten Minuten so perfekt grotesk-komisch wie aus dem Ästhetik-Proseminar, ist in so blutwarme, morbide Farben getaucht und von so putzigen Walzerklängen umhüpft, dass Jean-Pierre Jeunet-Fans aufatmen dürften ... weil auch Paris, das Schicksal und eine verträumte Hauptfigur wieder einen gewissen Stellenwert haben, wenngleich nicht so prominent wie in ,Die fabelhafte Welt der Amélie, könnte man sagen, Jean-Pierre Jeunet hat sein perfektes Filmmonster geschaffen. (Die Welt)
Läuft am So., 12.9., um 12.30 Uhr in der Matinee und am Di., 14.9., und Mi., 15.9., jeweils um 19.30 Uhr.
in der französischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Internetseite: www.micmacs.kinowelt.de